Seit 948 urkundlich belegt

Eine Burg. Viele Zeiten.
Über 1.000 Jahre Geschichte.

Von der slawischen Wallburg zum sächsischen Jagdschloss. Von einem Ort der Gefangenschaft zu einem Haus, das Gäste willkommen heißt.

Geschichte entdecken
948Erste urkundliche Erwähnung
1579Neubau als sächsisches Jagdschloss
40 MeterHöhe des Bergfrieds bis zur Spitze
3,20 MeterStärke seiner Mauern

Ein Ort im Wandel

Mauern, die
mehr erzählen.

Etwa 6 Minuten Lesedauer

In der Wasserburg Gommern begegnen sich Mittelalter und Renaissance, sächsische Herrschaft und preußische Geschichte, Erinnerung und neues Leben. Ihre Mauern erzählen nicht nur von Fürsten und Jagdgesellschaften, sondern auch von Verwaltung, Gefangenschaft, Ausbildung und einem Ort, der sich immer wieder neu erfunden hat.

Die Wasserburg Gommern heute
Die Wasserburg Gommern heute

Kapitel 01

Wo alles begann

Am südöstlichen Rand Gommerns, in der einst sumpfigen Landschaft der Ehle-Aue, liegt ein Ort, dessen Geschichte mehr als ein Jahrtausend zurückreicht. Lange bevor hier Gäste übernachteten und Feste gefeiert wurden, nutzten die Menschen Wasser, feuchten Boden und künstlich aufgeschüttete Wälle als natürlichen Schutz. Auf einem erhöhten Hügel entstand zunächst eine slawische Wallburg – der älteste bekannte Vorgänger der heutigen Wasserburg.

Im Jahr 948 tritt der Ort erstmals in das Licht der schriftlichen Überlieferung. In einer Urkunde König Ottos I. zur Gründung des Bistums Brandenburg wird er unter dem Namen „Guntmiri“ genannt. Die Urkunde bezeichnet ihn als „civitas“, womit damals kein Stadtgebiet im heutigen Sinne, sondern ein befestigter Zentralort gemeint sein konnte. Guntmiri gehörte zudem zu den Orten, deren Zehnt nicht an das neue Bistum Brandenburg fiel, sondern mit dem Magdeburger Moritzkloster verbunden blieb. Das spricht für die besondere politische und wirtschaftliche Bedeutung des Platzes. Woher der Name Guntmiri stammt, ist bis heute nicht abschließend geklärt.

Die frühe Burg bestand aus einer erhöht gelegenen Kernburg, der späteren Oberburg, sowie einer vorgelagerten Befestigung. Zwei Wassergräben mit einem dazwischenliegenden Wall umgaben die Anlage. Vermutlich im 12. oder 13. Jahrhundert wurde die Kernburg um eine Vorburg erweitert. Von der mittelalterlichen Wehrhaftigkeit erzählen bis heute der mächtige Bergfried, die Ringmauer, der Burggraben und der im Kern mittelalterliche Torturm.

1269Kapitel 02

Kapitel 02

Eine sächsische Insel im Magdeburger Land

Die Geschichte der Wasserburg ist eng mit den großen Machtverschiebungen Mitteldeutschlands verbunden. Im 12. Jahrhundert gelangte Gommern in den Herrschaftsbereich der askanischen Herzöge von Sachsen. 1269 wurde die Burggrafschaft Magdeburg den sächsischen Herzögen übertragen. Dadurch entstand eine bemerkenswerte politische Situation: Gommern gehörte über Jahrhunderte zu Sachsen, obwohl es von magdeburgischen und später preußischen Gebieten umgeben war.

Zeitweise war Gommern an das Erzbistum Magdeburg und später an die Stadt Magdeburg verpfändet. Dennoch entwickelte sich die Burg zum Mittelpunkt eines eigenen sächsischen Amtes. Von hier aus wurden Abgaben erhoben, Gerichtsangelegenheiten geregelt, landesherrliche Rechte durchgesetzt und die umliegenden Amtsdörfer verwaltet. Die Wasserburg war deshalb weit mehr als eine militärische Befestigung. Sie war Verwaltungszentrum, Gerichtsort, Vorratshaus und sichtbares Zeichen sächsischer Herrschaft. Die umfangreiche Überlieferung des Amtes Gommern reicht im Landesarchiv bis in das 15. Jahrhundert zurück.

Wappen und historische Bausubstanz der Wasserburg
Wappen und historische Bausubstanz der Wasserburg

Kapitel 03

Vom Wehrbau zum fürstlichen Jagdschloss

Den entscheidenden Wandel erlebte die Anlage in den Jahren 1578 und 1579. Kurfürst August von Sachsen ließ große Teile der inzwischen überalterten mittelalterlichen Burg abbrechen und als repräsentatives Jagd- und Amtsschloss neu errichten. Mit der Planung wurde der aus Nürnberg stammende Festungs- und Hofbaumeister Paul Buchner beauftragt, der an zahlreichen bedeutenden Bauten des sächsischen Hofes beteiligt war.

Die mittelalterliche Grundstruktur blieb dennoch erkennbar. Oberburg, Vorburg, Ringmauer und Wassergraben bestimmten weiterhin das Erscheinungsbild. Der Bergfried wurde erhöht, durch eine Wendeltreppe erschlossen und erhielt seine markante welsche Haube. Der im Volksmund als „Zwiebelturm“ bezeichnete Turm ist heute das weithin sichtbare Wahrzeichen Gommerns. Bis zur Spitze erreicht er ungefähr 40 Meter; seine Mauern sind an der stärksten Stelle rund 3,20 Meter mächtig.

Für den Umbau wurden auch Baustoffe aus der Region verwendet. Dazu gehörte der charakteristische Gommeraner Quarzit. Überliefert ist außerdem, dass Steine des nach der Reformation aufgegebenen Klosters Plötzky in den Neubau einflossen. Damit sind in der Wasserburg nicht nur unterschiedliche Zeitepochen, sondern auch verschiedene Orte der Region baulich miteinander verbunden.

Das neue Schloss diente den sächsischen Kurfürsten und Herzögen als Unterkunft bei Jagden und Reisen. Gleichzeitig blieb es Sitz des Amtsschössers, also des für Finanzen und Verwaltung verantwortlichen landesherrlichen Beamten. Vorräte, Abgaben und landwirtschaftliche Erträge wurden hier gesammelt und verwaltet. Die Wasserburg vereinte damit fürstliche Repräsentation und nüchterne Verwaltungsarbeit unter einem Dach.

1808–1815Kapitel 04

Kapitel 04

Von Sachsen über Westphalen nach Preußen

Die jahrhundertelange sächsische Sonderstellung endete während der napoleonischen Zeit. Nach dem Frieden von Tilsit wurde das Amt Gommern 1807 beziehungsweise 1808 dem von Napoleons Bruder Jérôme regierten Königreich Westphalen zugeschlagen. Bereits 1813 wurde das Gebiet von preußischen Truppen eingenommen. Nach dem Wiener Kongress kam Gommern endgültig zur preußischen Provinz Sachsen und wurde dem Kreis Jerichow I zugeordnet.

Damit verlor die Wasserburg ihre frühere Funktion als sächsischer Amtssitz. Ihre Geschichte nahm nun eine deutlich ernstere Wendung.

1853–1953Kapitel 05

Ein schwieriges Kapitel

Ein Schloss wird Haftanstalt

Im Jahr 1853 richtete der preußische Staat in den Schlossgebäuden eine Haftanstalt ein. Genau ein Jahrhundert lang, bis 1953, wurde die Wasserburg in unterschiedlichen Formen als Gefängnis genutzt. Um 1900 entstand auf dem Gelände ein Amtsgericht. 1927 kam ein neuer Gefängnistrakt hinzu, der der Verwaltung der Magdeburger Strafanstalt unterstand.

Während der nationalsozialistischen Herrschaft wurden hier neben anderen Gefangenen auch politische Häftlinge inhaftiert. Von 1942 an diente Gommern vor allem als Haftort für Frauen, die im Rahmen der sogenannten „Nacht-und-Nebel“-Verfolgung aus den von Deutschland besetzten Gebieten verschleppt worden waren. Sie sollten spurlos verschwinden, um Widerstand in ihren Heimatländern einzuschüchtern. Gefangene litten unter Mangelernährung, Zwangsarbeit und unwürdigen Bedingungen. Im Frühjahr 1945 wurden mindestens 70 Häftlinge zur Zwangsarbeit in eine Munitionsproduktion nach Schönebeck verlegt. Am 5. Mai 1945 erreichte die Rote Armee Gommern.

Dieses Kapitel gehört ebenso zur Geschichte der Wasserburg wie ihre fürstlichen und mittelalterlichen Zeiten.

Nach 1945 blieb die Anlage zunächst Haftort. Während des Volksaufstands vom 17. Juni 1953 zogen etwa 800 Demonstrierende zur Haftanstalt und verlangten die Freilassung politischer Gefangener und sogenannter Grenzgänger. Die Menschen drangen in die Anlage ein. Nach einem zeitgenössischen Polizeibericht verließen letztlich 18 Gefangene das Gefängnis; viele weitere wollten ohne schriftliche Entlassungspapiere nicht gehen.

1954–1989Kapitel 06

Kapitel 06

Betreuung, Ausbildung und ein neuer Anfang

Nach dem Ende des Gefängnisbetriebs wurde die Wasserburg von 1954 bis 1969 als Heim für soziale Betreuung genutzt. Dort lebten vor allem weibliche Bewohnerinnen. Ab 1969 beziehungsweise 1970 dienten Teile der Anlage als Lehrlingswohnheim und Werkstatt einer Betriebsberufsschule. Bis 1989 wurde in den historischen Mauern gewohnt, gelernt und gearbeitet.

Nach der deutschen Wiedervereinigung begann ein vollständig neues Kapitel. 1990 wurde die Wasserburg privatisiert und nach umfangreichen Umbauten als Hotel, Gaststätte und Hausbrauerei genutzt. Nach wechselnden Betreiberphasen, Unterbrechungen und weiteren Sanierungen nahm der Hotelbetrieb erneut Gestalt an. Heute wird die Wasserburg wieder als Hotel sowie als Ort für Hochzeiten, Tagungen, Gruppen und persönliche Begegnungen genutzt.

HeuteKapitel 07

Kapitel 07

Ein Haus, das weiterlebt

Die Wasserburg Gommern ist kein Gebäude aus nur einer Epoche. Sie ist slawischer Burgplatz und mittelalterliche Befestigung, sächsisches Jagdschloss und Verwaltungssitz, preußische Haftanstalt, Lern- und Lebensort und schließlich gastliches Haus.

Ihre Geschichte ist nicht ausschließlich romantisch. Gerade die unterschiedlichen und teilweise widersprüchlichen Kapitel machen ihren Wert aus. In ihren Mauern spiegeln sich mehr als tausend Jahre mitteldeutscher Geschichte: Herrschaft und Alltag, Glanz und Unrecht, Verfall und Erneuerung.

Heute müssen diese Mauern nicht neu wirken. Sie dürfen zeigen, was sie erlebt haben.

Kein Museum. Keine künstliche Kulisse. Ein Haus, das erinnert – und weiterlebt.

Für alle, die mehr erfahren möchten

Die ganze Geschichte

Sechs weitere Kapitel über die Region, die Menschen und das Bauwerk.
Zusammen mit der Hauptgeschichte etwa 12 Minuten Lesedauer.

01Lange vor „Guntmiri“: Eine außergewöhnliche Kulturlandschaft

Die Geschichte der Region beginnt lange vor der mittelalterlichen Burg. Im Jerichower Land wurden Spuren altsteinzeitlicher Jäger und Sammler gefunden. Zu den bedeutendsten Funden gehört ein etwa 200.000 Jahre alter Faustkeil aus dem Raum Gommern.

Besonders spektakulär ist das 1990 auf dem Gerstenberg entdeckte sogenannte Fürstengrab von Gommern. Um das Jahr 280 nach Christus wurde dort ein etwa 35 bis 40 Jahre alter Mann in einer aufwendig gezimmerten Grabkammer bestattet. Dem Toten gab man römisches Silbergeschirr, kostbare Gefäße, goldene Gewandspangen, Ringe und einen mehr als 500 Gramm schweren Goldhalsreif mit. Das Landesmuseum für Vorgeschichte bezeichnet die Anlage als das reichste bekannte Fürstengrab des damaligen Germaniens.

Das Grab ist kein direkter Vorläufer der Wasserburg. Es zeigt jedoch, dass die Gegend zwischen Elbe, Ehle und Fläming bereits Jahrhunderte vor der ersten urkundlichen Erwähnung in weitreichende politische, wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen eingebunden war. Römische Luxusgüter gelangten über große Entfernungen bis nach Gommern. Die Region lag nicht am Rand der Geschichte, sondern an einer Kontaktzone verschiedener Kulturen.

02Was war ein Burgward?

Als Guntmiri 948 erwähnt wurde, befand sich das ostelbische Gebiet in einer politisch unruhigen Übergangszone. Slawische Gemeinschaften lebten hier bereits seit mehreren Jahrhunderten. Gleichzeitig versuchten die ottonischen Herrscher, ihre Macht östlich der Elbe auszubauen und kirchliche Strukturen zu schaffen.

Ein Burgward war ein befestigter Mittelpunkt mit einem zugehörigen Umland. Die Burg bot Schutz, war Sitz lokaler Herrschaft und diente häufig als Ort für Abgaben, Rechtsprechung und militärische Organisation. Die Bezeichnung „civitas“ in der Urkunde von 948 weist darauf hin, dass Guntmiri eine solche zentrale Funktion besessen haben könnte.

Der große Slawenaufstand von 983 beendete die ottonische Kontrolle über weite Teile des Gebiets zunächst wieder. Für die folgenden rund 150 Jahre fehlen auch für Gommern weitgehend schriftliche Nachrichten. Erst im 12. Jahrhundert setzte sich die deutsche Herrschaft dauerhaft durch. In dieser Zeit wurden vorhandene slawische Strukturen häufig übernommen, erweitert und in neue Herrschaftssysteme eingebunden.

Der Ursprung der Wasserburg ist deshalb nicht als plötzliche Neugründung zu verstehen. Vielmehr entwickelte sich der Ort über mehrere Bau- und Herrschaftsphasen hinweg: von einer Wallburg über eine mittelalterliche Steinburg bis zum Renaissanceschloss.

03Gommern als kursächsische Exklave

Die territoriale Geschichte Gommerns ist ungewöhnlich. Im 12. Jahrhundert gehörte die Burg zum askanischen Herrschaftsbereich. Ab 1269 war sie als Teil der Burggrafschaft Magdeburg im Besitz der Herzöge von Sachsen-Wittenberg. Zwischen 1283 und 1308 war Gommern an das Erzbistum Magdeburg verpfändet, von 1419 bis 1539 an die Stadt Magdeburg.

Nach dem Aussterben der askanischen Linie von Sachsen-Wittenberg gelangte das Gebiet 1423 an die Wettiner. Durch die Leipziger Teilung von 1485 gehörte es zunächst zur ernestinischen Linie. Nach der Niederlage der Ernestiner im Schmalkaldischen Krieg fiel Gommern 1547 an die albertinische Linie der Wettiner, aus der später die sächsischen Kurfürsten und Könige hervorgingen.

Damit war das Amt Gommern über Jahrhunderte eine sächsische Insel in einer Umgebung, die politisch zu Magdeburg, Brandenburg und später Preußen gehörte. Alte Karten müssen dadurch wie ein Flickenteppich ausgesehen haben. Grenzen verliefen nicht entlang moderner Landeslinien, sondern zwischen Dörfern, Äckern und einzelnen Herrschaftsrechten.

Von der Wasserburg aus wurden die zum Amt gehörenden Ortschaften verwaltet. Das Landesarchiv bewahrt umfangreiche Akten über Abgaben, Gerichtssachen, Bauangelegenheiten, Braurechte, Dienste, Grenzstreitigkeiten und die wirtschaftliche Nutzung des Amtsgebiets auf. Die Bestände reichen teilweise bis 1420 zurück.

Auch verkehrsgeografisch war Gommern gut eingebunden. Eine alte Handelsverbindung führte von Magdeburg über Gommern, Leitzkau und Zerbst weiter in Richtung Leipzig. Erst mit dem Ausbau moderner Chausseen und Eisenbahnstrecken im 19. Jahrhundert verlor diese Route an Bedeutung.

04Die Architektur lesen

Wer heute durch das Burgtor tritt, sieht keine unveränderte mittelalterliche Burg. Die Anlage ist vielmehr ein über Jahrhunderte gewachsenes Bauwerk, dessen unterschiedliche Schichten noch immer erkennbar sind.

Die Gesamtanlage besteht aus einer rund bis oval angelegten Oberburg und einer nördlich vorgelagerten Vorburg. Sie erstreckt sich ungefähr über eine Fläche von 100 mal 120 Metern. Die Oberburg besitzt einen Durchmesser von etwa 50 Metern. Zur Stadtseite wurde der Zugang durch einen quadratischen, im Kern wahrscheinlich mittelalterlichen Torturm gesichert. Ringmauer, Burggraben und die Gliederung in zwei Burgbereiche blieben auch nach dem Renaissanceumbau erhalten.

Der freistehende Bergfried verbindet die mittelalterliche und die frühneuzeitliche Geschichte besonders anschaulich. Sein massives Mauerwerk gehört zur älteren Burganlage. Beim Umbau ab 1578 wurde der Turm erhöht, mit einer Wendeltreppe versehen und durch die welsche Haube zu einem repräsentativen Aussichtspunkt umgestaltet. So wurde aus einem Wehrturm zugleich ein weithin sichtbares Symbol fürstlicher Herrschaft.

Neben dem Turm sind historische Keller- und Gewölberäume erhalten. Südlich des Bergfrieds befindet sich ein Keller mit mehreren Quertonnengewölben. Der dreigeschossige Renaissancebau mit seinen steilen Dächern und Giebeln zeigt dagegen den Anspruch des 16. Jahrhunderts: Die Wasserburg sollte weiterhin Schutz und Verwaltung ermöglichen, zugleich aber für höfische Gäste angemessen erscheinen.

Auch das Baumaterial erzählt von der Umgebung. Der harte Gommeraner Quarzit wurde über Jahrhunderte in den nahe gelegenen Steinbrüchen gewonnen. Weil festes Naturgestein im norddeutschen Tiefland selten ist, besaßen diese Vorkommen große wirtschaftliche Bedeutung. Die heute mit Wasser gefüllten Steinbrüche, der Kulk und der Gesteinsgarten erinnern an diese Epoche.

05Das Gefängnis in der Wasserburg

Die Nutzung als Haftanstalt prägte die Wasserburg wesentlich länger, als es die meisten Besucher vermuten. Von 1853 bis 1953 – also genau ein Jahrhundert – waren Menschen innerhalb der historischen Mauern inhaftiert.

Um 1900 wurde auf dem Gelände ein Amtsgericht eingerichtet. 1927 entstand ein neuer Gefängnisflügel. Dieser Neubau gehörte organisatorisch zur Magdeburger Strafanstalt. Auf historischen Aufnahmen ist der moderne Zelltrakt unmittelbar neben dem alten Bergfried zu sehen: zwei vollkommen unterschiedliche Bauwelten, die dennoch Teil derselben Anlage waren.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurden auch politische Gefangene nach Gommern gebracht. Von 1942 an nahm die Haftanstalt überwiegend Frauen auf, die mit der sogenannten Nacht-und-Nebel-Verfolgung in Verbindung standen. Die Betroffenen stammten unter anderem aus den besetzten westeuropäischen Gebieten. Durch geheime Verschleppung und fehlende Nachrichten über ihren Aufenthaltsort sollten Familien und Widerstandsgruppen eingeschüchtert werden. Die Nacht-und-Nebel-Praxis wurde nach dem Krieg in den Nürnberger Prozessen als Verbrechen gegen die Menschlichkeit bewertet.

Eine der zeitweise in Gommern inhaftierten Frauen war die auf Jersey festgenommene Emma Marshall. In ihrem späteren Entschädigungsantrag erinnerte sie sich an ein „Schloss mit einem Wassergraben“. In Gommern musste sie unter anderem Holz sägen und Abwassergruben reinigen. Nach etwa zehn Tagen wurde sie über Magdeburg nach Schönebeck gebracht, wo sie in einer Munitionsproduktion Zwangsarbeit leisten musste.

Im März 1945 wurden nach Unterlagen des International Tracing Service 70 Gefangene von Gommern nach Schönebeck verlegt. Als sowjetische Truppen am 5. Mai 1945 die Stadt erreichten, waren die Lebensbedingungen der noch verbliebenen Häftlinge äußerst schlecht. Nach Kriegsende wurde die Anlage zunächst weiter als Haftort genutzt; Quellen berichten auch von politischen Gefangenen unter sowjetischer Kontrolle.

Der 17. Juni 1953 wurde schließlich auch für die Wasserburg zu einem historischen Datum. Rund 800 Demonstrierende forderten vor dem Gefängnis die Freilassung politischer Häftlinge und drangen in die Anlage ein. Viele Gefangene weigerten sich jedoch, ohne ordnungsgemäße Entlassungspapiere zu gehen. Nach dem überlieferten Polizeibericht wurden schließlich 18 Menschen tatsächlich befreit. Wenig später endete die Nutzung der Wasserburg als Haftanstalt.

06Vom geschlossenen Ort zum offenen Haus

Mit der Aufgabe des Gefängnisses veränderte sich die Bedeutung der Wasserburg grundlegend. Zwischen 1954 und 1969 war sie Heim für soziale Betreuung. Anschließend bezogen Lehrlinge die Gebäude. Wohnräume, Werkstätten und Einrichtungen der Betriebsberufsschule prägten die Anlage bis 1989.

Nach 1990 wurde aus dem zuvor geschlossenen institutionellen Ort schrittweise wieder ein öffentlich zugängliches Haus. Hotelzimmer, Gastronomie, eine Brauerei, Festräume und der Burghof brachten Gäste in die historischen Mauern zurück. Nach mehreren Betreiberphasen und zwischenzeitlichen Unterbrechungen wird die Wasserburg heute erneut als Hotel und Veranstaltungsort genutzt.

Das ist mehr als eine neue wirtschaftliche Nutzung. Über Jahrhunderte entschieden Verwaltung, Gericht und Gefängnis darüber, wer die Burg betreten durfte und wer sie nicht verlassen konnte. Heute steht das Tor für Gäste offen.

Die Geschichte wird dadurch nicht ungeschehen. Aber der Ort erhält eine friedliche und gastliche Zukunft.

Die Geschichte unserer Brauerei

Vom Burgwall
bis zum Bierglas

Gommeraner Brautradition seit 1669.
Die Burgbrauerei seit 1993.

Es gibt Orte, an denen Bier einfach ausgeschenkt wird. Und es gibt Orte, an denen jedes Glas eine Geschichte erzählt.

Die Wasserburg zu Gommern gehört zweifellos zur zweiten Kategorie. Hier treffen jahrhundertealte Geschichte, lebendige Gastlichkeit und die Freude an einem frisch gezapften Bier aufeinander. Zwischen mächtigen Mauern, historischen Höfen und dem unverwechselbaren Bergfried ist ein Ort entstanden, an dem Vergangenheit nicht hinter Glas steht. Sie wird erlebt, gefeiert – und manchmal auch gemeinsam angestoßen.

Unsere Brauerei ist dabei weit mehr als eine schöne Ergänzung zur Burg. Sie verbindet die lange Brautradition Gommerns mit einem besonderen Versprechen: Bier soll hier nicht beliebig schmecken. Es soll Charakter haben, Menschen zusammenbringen und zu dem außergewöhnlichen Ort passen, an dem es ausgeschenkt wird.

01Eine Burg mit mehr als 1.000 Jahren Geschichte

Die Geschichte der Wasserburg beginnt lange vor dem ersten Sud.

Bereits im Jahr 948 wurde Gommern unter dem damaligen Namen „Guntmiri“ erstmals urkundlich erwähnt. Auf einem künstlich aufgeschütteten Hügel in der Ehle-Aue befand sich eine befestigte Burganlage, die den Übergang durch das damals sumpfige Gebiet sichern sollte.

Über die Jahrhunderte entwickelte sich aus der frühen Wallburg eine wehrhafte Burg und schließlich ein repräsentatives Jagdschloss. Noch heute prägt der rund 40 Meter hohe Bergfried die Silhouette Gommerns. Seine mächtigen Mauern haben Herrscher, Amtsträger, höfische Jagdgesellschaften und unzählige gesellschaftliche Veränderungen erlebt.

Ob damals innerhalb der Burgmauern bereits Bier gebraut wurde, lässt sich heute nicht sicher belegen. Vorstellbar wäre es durchaus: Bier gehörte im Mittelalter und in der frühen Neuzeit vielerorts zur täglichen Versorgung. Die belegte Geschichte der heutigen Burgbrauerei beginnt jedoch sehr viel später.

Und gerade das macht sie so spannend.

02Gommern wird zur Stadt der Brauherren

Die Brautradition Gommerns ist deutlich älter als die moderne Brauerei in der Wasserburg.

Nach den schweren Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges begann sich Gommern in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts neu zu entwickeln. Handwerker siedelten sich an, Innungen entstanden und aus dem zuvor landwirtschaftlich geprägten Ort wurde zunehmend ein lebendiger Markt- und Gewerbestandort.

Im Jahr 1669 bildeten sich in Gommern die sogenannten Stadtbrauberechtigten. Bierbrauen war damals kein Freizeitvergnügen, sondern ein streng geregeltes und wirtschaftlich bedeutendes Handwerk. Nur wer das entsprechende Recht besaß, durfte Bier herstellen und ausschenken.

Die Brauherren versorgten die Menschen in der Stadt und der Umgebung. Ihre Biere wurden in Gasthäusern, auf Märkten, bei Festen und gesellschaftlichen Zusammenkünften getrunken. Bier war Genussmittel, Alltagsgetränk und ein wichtiger Bestandteil des gemeinschaftlichen Lebens.

Damit begann eine Tradition, die Gommern über viele Generationen begleiten sollte.

03Als Dampf und Eis das Brauen veränderten

Mit der Industrialisierung veränderte sich auch das Brauhandwerk.

Ab 1875 baute der Gommeraner Brauereibesitzer Karl Friedrich Wilhelm Döring eine moderne Dampf-Bierbrauerei auf. Sie versorgte nicht nur die Stadt selbst, sondern auch das umliegende Gebiet. Wenige Jahre später wurde die Anlage um einen großen Eiskeller erweitert.

Bevor elektrische Kühltechnik selbstverständlich wurde, war Eis für die Lagerung des Bieres von entscheidender Bedeutung. In tiefen, kühlen Kellern konnten die Fässer auch während der wärmeren Monate reifen und aufbewahrt werden. Das Brauen verlangte Erfahrung, Geduld und ein feines Gespür für Temperatur und Zeit.

Die Döringsche Brauerei stellte sogar eine eigene Gommeraner Spezialität her: „Döring’s Caramel-Kraft-Bier“. Das Unternehmen bestand bis 1923 und steht beispielhaft für eine Zeit, in der regionale Brauereien das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben ihrer Heimatstädte wesentlich mitprägten.

Auch wenn zwischen dieser historischen Stadtbrauerei und der späteren Burgbrauerei keine unmittelbare unternehmerische Verbindung besteht, gehören beide zu derselben Geschichte: der Geschichte Gommerns als Ort des Bierbrauens.

041993 zieht das Brauhandwerk in die Wasserburg ein

Nach vielen unterschiedlichen Nutzungen begann für die Wasserburg nach der politischen Wende ein völlig neues Kapitel. Die Anlage wurde privatisiert und zu einem Hotel- und Gastronomiebetrieb umgestaltet.

Im Jahr 1993 war es schließlich so weit: Die hauseigene Brauerei der Wasserburg wurde eröffnet.

Damit erhielt die Gommeraner Brautradition einen außergewöhnlichen neuen Mittelpunkt. Wo zuvor Burg- und Schlossgeschichte geschrieben worden war, standen nun glänzende Braukessel. Durch große Fenster konnten die Gäste erleben, wo das Bier entstand, das wenig später frisch gezapft im Glas vor ihnen stand.

Die Philosophie der Burgbrauerei war von Anfang an deutlich: Im Mittelpunkt sollten nicht möglichst lange Haltbarkeit und industrielle Einheitlichkeit stehen, sondern Frische, Geschmack und handwerklicher Charakter.

Das Bier wurde nach traditionellem Verständnis gebraut. Auf Filtration, Pasteurisation und andere Eingriffe zur künstlichen Verlängerung der Haltbarkeit wurde bewusst verzichtet. Dadurch blieben die natürliche Vollmundigkeit, die typischen Aromen und die individuelle Handschrift der Biere erhalten.

Aus Wasser, Malz, Hopfen und Hefe entstanden Biere, die zu ihrem Herkunftsort passten: bodenständig, eigenständig und unverwechselbar.

05Bier wird Teil des Burglebens

Schon bald war die Brauerei aus dem Leben der Wasserburg nicht mehr wegzudenken.

Das Bier begleitete Hochzeiten und Familienfeiern, Ritteressen und Sommerabende, große Feste und kleine Begegnungen. Es wurde im Gasthof, im Burghof und im Biergarten ausgeschenkt – oft nur wenige Schritte von den Braukesseln entfernt.

Neben den klassischen Sorten entstanden im Laufe der Jahre immer wieder besondere und saisonale Biere. Dazu gehörten kräftige, malzbetonte Spezialitäten ebenso wie außergewöhnliche Kreationen. Die Brauerei zeigte damit, dass traditionelle Braukunst und Experimentierfreude keine Gegensätze sein müssen.

Nach wechselvollen Jahren und Unterbrechungen beginnt nun ein neues Kapitel. Die Wasserburg wird wieder zu einem lebendigen Ort für Gäste aus Gommern, Magdeburg und weit darüber hinaus. Ein Ort zum Übernachten und Feiern, zum Zusammensitzen und Genießen.

Und natürlich gehört auch das Bier wieder dazu.

Unsere Biere

Sechs Charaktere.
Frisch vom Fass.

Aktuell sind unsere Biere ausschließlich als Fassware erhältlich.

Helles

Mild, feinwürzig und herrlich süffig.

Unser Helles präsentiert sich goldgelb im Glas und verbindet eine angenehme Malznote mit einer dezenten, fein abgestimmten Hopfenwürze. Sein weicher Antrunk und der harmonische Ausklang machen es zu einem besonders zugänglichen Bier für nahezu jede Gelegenheit.

Unkompliziert, ausgewogen und dennoch charaktervoll – ein Bier, von dem man gern noch ein zweites bestellt.

Naturtrübes

Ursprünglich, vollmundig und naturbelassen.

Die natürliche Trübung verleiht diesem Bier seinen unverwechselbaren Charakter. Eine feinwürzige Malznote, eine sanfte Hefearomatik und eine angenehm zurückhaltende Hopfenbittere verbinden sich zu einem runden und lebendigen Geschmackserlebnis.

Ein ehrliches Bier für alle, die ursprünglichen Biergenuss lieben und Wert auf Natürlichkeit legen.

Alkoholfreies Naturtrübes

Malzwürzig, naturtrüb und erfrischend.

Unser alkoholfreies Naturtrübes überzeugt mit einer harmonischen Verbindung aus feiner Malzwürze, dezenter Hefenote und angenehmer Frische. Die natürliche Trübung sorgt für einen volleren Körper und einen eigenständigen Biercharakter.

Erfrischend, ausgewogen und alles andere als langweilig – die ideale Wahl für alle, die bewusst genießen möchten, ohne auf echten Biergeschmack zu verzichten.

Pils

Feinherb, hopfenbetont und erfrischend klar.

Unser Pils zeigt sich mit einer ausgeprägten, aber ausgewogenen Hopfennote. Der frische Antrunk, die feine Würze und der angenehm trockene Ausklang verleihen ihm seinen klassischen, geradlinigen Charakter.

Ein spritziges Bier mit Haltung – besonders für alle, die ihr Bier etwas herber mögen.

Kristallweizen

Klar, prickelnd und elegant.

Das Kristallweizen verbindet die typische Leichtigkeit eines Weizenbieres mit einer besonders klaren und spritzigen Erscheinung. Eine feine Fruchtigkeit, lebendige Kohlensäure und ein angenehm leichter Ausklang machen es zu einem erfrischenden Genuss.

Ein elegantes Weizenbier für sonnige Stunden, festliche Anlässe und entspannte Momente im Burghof.

Hefeweizen

Fruchtig, würzig und wunderbar vollmundig.

Mit seiner natürlichen Hefetrübung, seinem weichen Mundgefühl und seiner typischen fruchtig-würzigen Aromatik ist unser Hefeweizen ein echter Klassiker. Feine Anklänge von reifer Banane und würziger Nelke verbinden sich zu einem harmonischen und angenehm erfrischenden Geschmack.

Kräftig im Charakter, weich im Abgang und wie gemacht für einen langen Sommerabend im Biergarten.

Frisch gezapft schmeckt Geschichte am besten

Ob mild, naturtrüb, alkoholfrei, feinherb oder fruchtig-würzig: Unsere sechs Fassbiere zeigen, wie vielfältig Biergenuss sein kann.

Wer bei uns ein Bier bestellt, bekommt nicht einfach nur ein frisch gezapftes Getränk. Er bekommt ein Stück Gommeraner Brautradition. Einen Moment der Ruhe im historischen Burghof. Ein Glas voller Heimat, Geschichte und Geselligkeit.

Und vielleicht auch das Gefühl, an einem Ort angekommen zu sein, der schon unzählige Geschichten erlebt hat – und an dem gerade eine neue beginnt.

Die Wasserburg zu Gommern ist kein Museum. Sie ist ein lebendiger Ort, der seine Vergangenheit bewahrt und gleichzeitig nach vorn schaut.

Welches unserer Fassbiere am besten zu Ihnen passt? Das lässt sich eigentlich nur auf eine Weise herausfinden:

Platz nehmen, einschenken lassen und probieren.

Auf die Wasserburg. Auf Gommern. Und auf das nächste Kapitel.

Von den Anfängen bis heute

Die Zeiten im Überblick.

  1. Um 280 n. Chr.

    Das außergewöhnlich reich ausgestattete Fürstengrab von Gommern belegt die überregionale Bedeutung der Gegend schon in der römischen Kaiserzeit.

  2. Vor 948

    Auf einem künstlich erhöhten Platz in der Ehle-Aue besteht eine slawische Wallburg.

  3. 948

    „Guntmiri“ wird in einer Urkunde Ottos I. erstmals erwähnt.

  4. 12./13. Jahrhundert

    Die Kernburg wird vermutlich durch eine Vorburg erweitert.

  5. 1269

    Gommern gelangt mit der Burggrafschaft Magdeburg dauerhaft in den sächsischen Herrschaftsbereich.

  6. 1578/1579

    Kurfürst August von Sachsen lässt die Burg durch Paul Buchner zum Jagd- und Amtsschloss umbauen.

  7. 1669

    In Gommern bilden sich die Stadtbrauberechtigten. Die Braurechte prägen das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben des Ortes.

  8. 1808–1815

    Die sächsische Sonderstellung endet; Gommern gehört zunächst zum Königreich Westphalen und anschließend zu Preußen.

  9. 1853–1953

    Die Wasserburg dient als Haftanstalt.

  10. 1875

    Karl Friedrich Wilhelm Döring baut eine Dampf-Bierbrauerei in Gommern auf. Sie ist Teil der städtischen Brautradition, aber kein direkter Vorgängerbetrieb der Burgbrauerei.

  11. 1927

    Ein neuer Gefängnistrakt wird errichtet.

  12. 1942–1945

    In Gommern werden unter anderem Frauen der Nacht-und-Nebel-Verfolgung inhaftiert.

  13. 17. Juni 1953

    Demonstrierende dringen in die Haftanstalt ein und verlangen die Freilassung der Gefangenen.

  14. 1954–1969

    Nutzung als Heim für soziale Betreuung.

  15. 1969/1970–1989

    Lehrlingswohnheim und Ausbildungswerkstätten.

  16. Seit 1990

    Privatisierung und Entwicklung zum Hotel-, Gastronomie- und Veranstaltungsort.

  17. 1993

    Die hauseigene Brauerei der Wasserburg wird eröffnet. Das Brauhandwerk erhält einen neuen Ort innerhalb der Burgmauern.

  18. Heute

    Ein historisches Haus für Übernachtungen, Hochzeiten, Tagungen und persönliche Begegnungen.

Ein Haus, das weiterlebt

Geschichte lässt sich am besten dort erleben,
wo sie weiterlebt.

Übernachten Sie in der Wasserburg, planen Sie Ihre Feier oder entdecken Sie einen besonderen Ort vor den Toren Magdeburgs.